1433 JAHRE ERFAHRUNG

Brauchen wir eine neue Ästhetik des Alterns? Ja, denn Alter wird immer noch als Zustand und weniger als Prozess wahrgenommen. Dieser ist zwar unvermeidbar, soll aber in aller Regel sehr weit in Richtung Lebensende geschoben werden. 

Die Neugierde für die alten Menschen, die in einer Pflegeeinrichtung in der Nähe meines Hamburger Ateliers wohnen, hat mich mit dieser fotografischen Arbeit  beginnen lassen.

In einem Gemeinschaftsraum, neben gestapelten Stühlen und Tischen, habe ich ein kleines „Set“ mit Hintergrund, Blitz und Kamera aufgebaut und auf die ersten, mutigen Bewohner gewartet.

Esther kam, mit Hilfe eines Rollators, schüchtern durch die Tür und nahm auf dem für Sie bereitgestellten Stuhl Platz. Sie ist stolze 102 Jahre alt. Nach anfänglichem Zögern hat Esther aber mit zunehmender Begeisterung aus ihrem Leben erzählt und sich gerne an schöne Momente erinnert.

„Durch sein aufgeschlossenes und wertschätzendes Auftreten gegenüber den Bewohnern hat Friedrun Reinhold schnell anfängliche Scheu und Unsicherheit seitens der Bewohner/innen verschwinden lassen.

Herr Reinhold hat den Bewohnern auf natürliche Art und Weise die Möglichkeit gegeben, über ihr Leben und ihr Schicksal zu sprechen.“ sagt Nina Hoyer-Seibert, die Einrichtungsleiterin, die das Projekt sofort begeistert unterstützte.

 

Die praktische Arbeit sah wenig glamourös aus: Vor meinem Nesselhintergrund stand oft ein Rollstuhl oder Rollator, da die meistern der Bewohner auf diese Hilfen angewiesen sind.

„Die Fotos zeigen mehr als deutlich, welche Charaktere und Leben sich hinter den Bildern verbergen. Einigen Bewohnern kamen die Tränen, als sie ihr Bild im Veranstaltungssaal hängen sahen – sie wirkten stolz und waren erstaunt darüber, wie ehrlich und authentisch sie dargestellt wurden.

 

Nicht nur die BewohnerInnen selbst, sondern auch Angehörige, Verwandte, Freunde und Besucher sowie die MitarbeiterInnen sind begeistert von der künstlerischen Arbeit Herrn Reinholds.“ resümiert Nina Hoyer-Seibert und sieht sich lächelnd die an der Wand hängenden Fotos an.

 

Ruth Buls, Krankenschwester, 86

Gerne denke ich an die Ferien mit unserem selbst ausgebauten 

Wohnmobil, die wir so oft wie möglich machten.

Ich mag keine Hektik und die Ruhe in der Natur hat mir immer 

sehr gefallen.

Dankbar bin ich dafür, dass ich in meinem Alter noch gut gehen kann.

 

Peter Schramm, Kapitän, 68 Jahre

Meine fast 20 Jahre auf See waren die schönsten meines Lebens. 

Am liebsten stand ich an Bord meines Aufklärers und habe mir den Ostseewind um die Nase wehen lassen.


Verena Schlüter, Vorstandsassistentin, 73

An meine vielen wunderschönen Reisen denke ich oft und gerne. 

Ganz besonders liebe ich die Insel Capri. Mir gefällt dort 

die freundliche Atmosphäre und ich fühle mich auf dieser Insel immer sehr willkommen und zuhause.

Hans Otto Meyer, Regierungsdirektor, 90

In Barmbek bin ich geboren und aufgewachsen. 

Daher kenne ich das Bartholomäus Bad, in dem ich jeden 

Tag vor der Arbeit zum Schwimmen war. Mit Freude denke ich an meine vielen, weiten Reisen.


Esther Lüttich, Modeverkäuferin, 102

Mein Hamburger Lieblingsplatz ist Planten un Blomen. 

Dort fasziniert mich die Vielfalt der Blumen und Bäume.

Mitten in der Großstadt Hamburg ist dort eine Oase der Ruhe zu finden.

 

Rolf Leisner, Feinmechaniker, 86

Zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens gehört ein Auftritt als 

Tenor in Graz in den 70er Jahren.

Ich sang das „Ave Maria“ und erntete tosenden Beifall.

Besonders dankbar bin ich meinen beiden Ehefrauen für die schönen gemeinsamen Jahre.

 


Klaus Junge, Seemann, 74

Gerne denke ich an meine Jahre auf hoher See zurück. Mit 15 habe 

ich angeheuert und die vielen Reisen haben mich bis nach Japan geführt. Das größte Schiff, auf dem ich fuhr, hatte 32.000 BRT.

 

Anne Hoffmann, Schneiderin, 74

Für meine Ehe bin ich sehr dankbar. Ich war 45 Jahre verheiratet.

Heute gehe ich gerne in Parks und genieße das Grüne und die Natur.

Da ich am Schulterblatt aufgewachsen bin, kann ich von schöner Natur nie genug sehen.

 


Uwe Haft, Fischräucherer, 79

Besonders beeindruckt hat mich meine Perureise. Nie werde ich 

die Menschen und die besondere Natur dort vergessen.

Meine kulinarische Spezialität ist geräucherter Rotbarsch mit seinen besonders feinen Aromen.

 

Helga Domhardt, Einzelhändlerin, 87

Als selbständige Einzelhändlerin hatte ich immer alle Hände voll zu tun.

Besonders glücklich bin ich über meine sehr gelungene Tochter, 

zu der ich ein inniges Verhältnis habe und die mir wie aus dem 

Gesicht geschnitten ist.

 

 


Hartwig Gennert, Gärtner, 68 Jahre

Ich war leidenschaftlicher Gärtner. Besonders gerne habe ich neue 

Gärten angelegt und die Menschen dabei beraten, welche Pflanzen 

gut zu ihnen passen. Ein schöner Garten kann sehr viel positives Lebensgefühl vermitteln, und das zu jeder Jahreszeit.

 

Günther W. Fleckenstein, Theatermensch, 93 Jahre

Sehr gerne denke ich an meine Göttinger Jahre zurück. Dort war ich 

20 Jahre am Theater Intendant und habe in dieser Zeit rund 85 

Inszenierungen auf die Bühne gebracht. Das Theater habe ich immer 

als lebendigen Organismus empfunden und  deshalb jungen Menschen gerne eine Chance gegeben, wenn sie Talent hatten.